LILIAN DÖRR, ANDRÉ ECKERT, CAROLIN HERMANN, ALYSSA NOTHAFT
Modulare Revolution
Die modulare Revolution beschreibt gesellschaftlichen Wandel als Prozess vieler kleiner, funktionierender Veränderungen, die sich verbinden, kopieren und weiterentwickeln. Genau dieses Verständnis bildet den Titel des Projekts zum Thema der Transformation.
Thematik:
Transformation bezeichnet einen tiefgreifenden, strukturellen Wandel, bei dem sich nicht nur einzelne Elemente, sondern das gesamte System verändert. Dabei werden bestehende Systemlogiken und Wirkungsweisen in Frage gestellt und neu gestaltet. Transformation geht über bloße Anpassung hinaus und führt zu neuen Zuständen, Bedeutungen und Identitäten. Transformationsdesign versteht sich in diesem Zusammenhang als Gestaltungsansatz, der Design als Motor gesellschaftlicher, ökologischer und kultureller Veränderungsprozesse begreift. Thema Transformation, Social Discourses
Textbezug:
Unser Workshop basiert auf Harald Welzers Text „Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Alles könnte anders sein.“ (2020), insbesondere auf dem Kapitel „Modulare Revolution“. Welzer beschreibt gesellschaftlichen Wandel nicht als großen Umsturz, sondern als praktische Veränderung im Alltag: durch viele kleine, funktionierende Alternativen, die parallel zum bestehenden System entstehen. Solche Realutopien und Heterotopien zeigen, dass anderes Leben und Wirtschaften bereits möglich ist dezentral, selbstorganisiert und ohne zentrale Steuerungsinstanz. Transformation wird dabei zu einem zivilisatorischen Projekt: einem langsamen Umlernen, das durch erprobte Praxis entsteht. Alte Systeme verschwinden nicht sofort, aber sie verlieren an Bedeutung, sobald neue Module funktionieren, kopiert und angepasst werden.
Offner Diskurs im Raum “Irritation”
Offner Diskurs im Raum “Irritation”
Aufbau der Session:
Die Session beginnt mit einer kurzen Begrüßung und inhaltlichen Einordnung. Ausgangspunkt ist Harald Welzers Text „Alles könnte anders sein“, insbesondere das Kapitel zur modularen Revolution, das von alle Teilnehmenden im Vorfeld gelesen wurde. Zentrale Begriffe wie Realutopie, Heterotopie, Dezentralität und zivilisatorisches Projekt werden dabei als begrifflicher
Rahmen für Transformationsprozesse gemeinsam verortet.
Das Warm-up sorgt für ein erstes Stimmungsbild: Mit provokativen Aussagen positionieren sich die Teilnehmenden auf einer gedachten Treppe zwischen „Berührt mich wenig“ und „Irritiert mich stark“. So werden unterschiedliche Perspektiven sichtbar und der Raum für offene Gespräche spielerisch geöffnet.
Darauf folgt ein kurzer Theorie-Impuls zu Macht, Design und Transformation. Transformation wird als tiefgreifender struktureller Wandel eingeführt, Transformationsdesign als Gestaltung gesellschaftlicher, ökologischer und kultureller Veränderung. Ergänzend werden zentrale Transformationsmerkmale vorgestellt, die direkt in die Gruppenarbeit überleiten.
In der Gruppenphase arbeitet der Kurs in vier Teams zu den Merkmalen Gemeinschaft, Adaptivität, Nachhaltigkeit und Selbstwirksamkeit. Jede Gruppe entwickelt innerhalb ihres Themenfeldes ein modulares Teilartefakt in Form eines Origami-Teilprozesses. Auf jeweils zwei Feldern halten sie ihre Ideen fest – einmal als Skizze oder Bild, einmal als Text oder Notiz, unterstützt durch Leitfragen.
Im Anschluss präsentieren die Gruppen ihre Module, suchen im Gespräch gezielt nach Schnittstellen und fügen die einzelnen Bausteine zu einem gemeinsamen Würfel zusammen. So wird Transformation als modulares System im Raum sichtbar. Zum Abschluss werden die wichtigsten inhaltlichen Linien gebündelt: Welzers „Neuer Realismus“ anerkennt ökologische Grenzen, verabschiedet sich von der Hyperkonsumgesellschaft, denkt Stadt als analogen, sozialen und fußläufigen Lebensraum, versteht Digitalisierung als dienendes Werkzeug statt beherrschende Instanz und rahmt Bildung als Ermöglichung individueller wie kollektiver Entfaltung
Artefakt: Modularer Würfel (Sonobe Cube)
Als zentrales Diskursartefakt haben wir einen modularen Origami-Würfel (Sonobe Cube) eingesetzt. Der Würfel besteht aus 6 Seiten: Eine Seite erklärt die Idee der Modularen Revolution nach Harald Welzer, eine weitere Seite zeigt ein Beispiel zum Thema Vernetzung. Die übrigen vier Seiten gehören den Gruppen und orientieren sich an den Transformationsmerkmalen Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, Adaptivität und Selbstwirksamkeit.
Jede Transformations-Seite ist in vier kleinere Flächen unterteilt:
Zwei Felder dienen als Arbeitsfläche für die Gruppen (Skizze + Notiz). Ein weiteres Feld enthält eine kurze Erklärung des jeweiligen Merkmals. Das vierte Feld zeigt einen Legostein als Symbol für Modularität und kombinierbares Denken.
Zur Unterstützung lagen den Gruppen Leitfragen auf der Rückseite der Bastelbögen vor. Diese waren während der Arbeitsphase sichtbar, später beim Zusammenbauen jedoch nicht mehr.
Am Ende wurden alle Module zusammengefügt: Die einzelnen Perspektiven der Gruppen ergeben gemeinsam den fertigen Würfel als sichtbares Ergebnis des Diskurses.
Diskussion/Session:
Besonders spannend war das Vorstellen der Module zum Tauschen, Reparieren und für konsumfreie Räume. Dabei entstand eine lebhafte Diskussion darüber, welche zentralen Orte eine Stadt für alle lebenswerter machen und wie sich die unterschiedlichen Module gegenseitig antreiben, stärken und zu einem dichten Netz neuer Möglichkeiten verweben.
Ausblick:
Der modulare Würfel macht erfahrbar, dass Transformation nicht als fertige Lösung vom Himmel fällt, sondern im Spannungsfeld vielfältiger Perspektiven entsteht, die sich ergänzen, reiben oder widersprechen. Er legt zugleich offen, wie deutlich Gestaltung in Machtverhältnisse eingreift: Wer setzt die Rahmen, wer prägt Begriffe, wer entscheidet, was sichtbar wird – und was unsichtbarbleibt? Das Artefakt übersetzt Transformation in ein modulares Zukunftsbauen: Viele kleine, funktionierende Module eröffnen neue Möglichkeitsräume, ohne
auf den einen großen Umsturz zu warten. Als nächster Schritt liegt es nahe, den Würfel aus dem Kurs herauszulösen und als offene Schnittstelle nach außen zu nutzen – etwa gemeinsam mit lokalen Akteur:innen. So könnte aus einem einmaligen Workshop ein lebendiges Netzwerkformat entstehen, das Erfahrungen sammelt, verknüpft und kontinuierlich weitertreibt.
Zum Abschluss werden die wichtigsten inhaltlichen Linien gebündelt: Welzers „Neuer Realismus“ anerkennt ökologische Grenzen, verabschiedet sich von der Hyperkonsumgesellschaft, denkt Stadt als analogen, sozialen und fußläufigen Lebensraum, versteht Digitalisierung als dienendes Werkzeug statt beherrschende Instanz und rahmt Bildung als Ermöglichung individueller wie kollektiver Entfaltung.
Quellen:
1. Design:
• Heider, Thomas, Stegmann, Markus, Zey, René (2007): Das Design-Lexikon.
Kleine digitale Bibliothek Band 4. Berlin: Directmedia Publishing.
2. Macht:
• Arendt, Hannah (1971): Macht und Gewalt. München: Piper Verlag.
Basierend auf dem Text von: Welzer, Harald (2020): Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
❷ Im Rahmen des Kurses “Social Discourses” bei Corinna Sy wurden verschiedene gesellschaftsrelevante Themen behandelt. Zu jedem Topic wurden Sessions geplant, durchgeführt und dokumentiert.