SOCIAL DISCOURSES
WISE 25/26

TRANSFORMATION DESIGN 
MASTER

Fakultät Gestaltung
Technische Hochschule  Augsburg
Betreuung: Corinna Sy

Impressum


FRANZISKA EWALD, HANNAH GRÜN, KONSTANZIA KREMSER




Gestaltung ist nie neutral.


Design entsteht immer aus einer bestimmten Position heraus geprägt von Herkunft, Erfahrungen, Privilegien, sozialen Zuschreibungen und Machtverhältnissen. In unserer Session „Design, Macht & Positionalität“ untersuchten wir, wie Macht Designprozesse beeinflusst: Wer wird sichtbar? Wer entscheidet? Wer wird gehört und wer übergangen?

Gemeinsam mit dem Kurs setzten wir uns mit einem erweiterten Machtverständnis auseinander: weg von hierarchischen, dominanzbasierten Modellen hin zu relationalen, kollektiven und emanzipatorischen Formen von Macht.

Ziel war es, Macht nicht nur theoretisch zu analysieren, sondern körperlich, emotional, diskursiv und gestalterisch erfahrbar zu machen und dabei die eigene Positionalität als Designer*in kritisch zu reflektieren.


Unlearn Macht – Theoretische Grundlage


Zentraler Ausgangspunkt unserer Session war der Text „unlearn macht – Von der Macht, Macht abzugeben“ von Naomi Ryland (2024), den alle Teilnehmenden im Vorfeld des Kurses gelesen hatten. Der Text ist ein Kapitel aus dem Sammelband Unlearn Patriarchy (2024) bildet die theoretische Grundlage für unsere Auseinandersetzung mit Macht, Positionalität und Verantwortung im Design. Ryland analysiert patriarchale Machtverhältnisse und plädiert für ein radikal erweitertes Verständnis von Macht. Sie unterscheidet vier grundlegende Machtformen:

  • Power over – Macht über andere: Kontrolle, Hierarchie, Dominanz
  • Power to – Gestaltungsmacht: die Fähigkeit zu handeln, zu entscheiden und zu verändern
  • Power with – kollektive Macht: gemeinsames Handeln, Solidarität, Ko-Kreation
  • Power within – innere Macht: Selbstwirksamkeit, Reflexion, emotionale Integrität

Sie kritisiert, dass gesellschaftliche und institutionelle Ordnungen häufig von einem reduzierten Machtverständnis geprägt sind – Macht wird dabei vor allem als „Macht über“ gedacht (als Besitz, Zugriff, Durchsetzung, Kontrolle). Dieses Verständnis stabilisiert Hierarchien und führt systematisch dazu, dass Ungleichheit, Ausschlüsse und Unsichtbarmachung fortgeschrieben werden. Dem stellt sie ein relationales Machtverständnis entgegen, das Macht stärker als „Macht mit“ und „innere Macht“ begreift: Verantwortung übernehmen, Fürsorge ermöglichen, gegenseitige Ermächtigung stärken und kollektive Gestaltungskraft aufbauen.

Für Design bedeutet das: Gestaltung ist immer ein Eingriff in Machtverhältnisse. Sie entscheidet darüber, welche Perspektiven sichtbar werden, welche Normen stabilisiert und welche Zukünfte denkbar (oder undenkbar) gemacht werden.


Stilles Positionieren – Macht als (un)sichtbare Struktur erfahrbar machen


Bei einem Thema wie Macht und Positionalität ist es wichtig, zu Beginn einen geschützten Rahmen zu setzen. Solche Auseinandersetzungen können sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen: Abwehr oder Defensive, aber ebenso Scham, Verunsicherung oder Trigger – je nachdem, welche Erfahrungen, Positionen und Verantwortlichkeiten Menschen mitbringen. Deshalb gab es zu Beginn der Session einen Disclaimer, der dazu diente, Reflexion zu ermöglichen, ohne Überforderung zu produzieren: Freiwilligkeit, das Recht auf eigene Grenzen und ein nicht-bewertender Umgang.

Darauf folgte das Warm-up als stille Intervention im Raum: Fünfzehn Poster mit Gegenpolen waren aufgehängt, und die Teilnehmenden mussten sich jeweils durch Sticker positionieren. Die Aussagen reichten von eher „schnell“ einordenbarenPolen (z. B. 1. „Ich bin weiß.“ / „Ich bin nicht weiß.“) bis zu ambivalenteren, schwerer zu beantwortenden Aussagen (z. B. 15. „Ich teile meine Macht.“ / „Ich behalte meine Macht für mich.“). Die Übung blieb bewusst nonverbal – als Einstieg über Wahrnehmung statt Argumentation.




           

Macht sichtbar machen, bevor sie „erklärt“ wird


Statt mit Definitionen zu beginnen, wurde Macht als etwas erfahrbar gemacht, das sich im Alltag und in Räumen zeigt. Die Aufgabe übersetzte das Thema in eine konkrete Handlung: Wo ordne ich mich zu – und wo nicht? So wurde Macht nicht nur als abstraktes Konzept behandelt, sondern als etwas, das auch über eigene Position und Handlungsspielräume mitgeprägt wird.

Reflexion ermöglichen ohne sofortige Rechtfertigung


Durch die Stille entstand ein Rahmen, in dem Teilnehmende sich zuordnen konnten, ohne sich unmittelbar erklären zu müssen. Das reduziert performativen Druck und verhindert, dass die Auseinandersetzung zu früh in Diskussion, Verteidigung oder moralische Bewertung kippt. Der Fokus lag auf Selbstwahrnehmung und dem Aushalten von Uneindeutigkeit.

Spannungsfeld von „sichtbarer“ und „versteckter“ Macht aufzeigen


Die Abstufung der Aussagen hatte eine klare Funktion: Sie machte deutlich, dass Macht nicht nur in offensichtlichen Kategorien sichtbar wird, sondern auch subtil, relational und situationsabhängig wirkt – etwa in Routinen, Entscheidungsspielräumen, Zugang, Sprache oder darin, ob Macht geteilt, gehalten oder abgegeben wird. Gleichzeitig wurde erfahrbar: Manche Positionierungen sind leicht, andere verlangen Selbstprüfung und erzeugen Widerspruch oder Unsicherheit – und genau das ist Teil des Lernziels.

Kollektive Muster sichtbar machen


Durch das gemeinsame Positionieren entstand ein visuelles Bild: Häufungen, Leerstellen, Spannungen. Damit wurde aus Einzelpositionen ein kollektives Muster, das zeigt, wie Macht sich in einer Gruppe verteilt. Gerade im Hochschulkontext – als ohnehin selektiver und privilegierter Ort – kann sich so auch institutionell abzeichnen, welche Positionen häufig vertreten sind, welche Perspektiven dominieren und welche eher fehlen.

Die Poster blieben anschließend im Schul-/Hochschulhaus hängen, um die Reflexion über die Session hinaus fortzusetzen und auch anderen eine Positionierung bzw. Auseinandersetzung zu ermöglichen.






Perspektivwechsel üben – 6-Hüte Methode im Machtdiskurs


Im nächsten Schritt arbeiteten wir mit der 6-Hüte-Methode nach Edward de Bono. Die Methode funktioniert so, dass Teilnehmende bewusst eine Denkrolle („Hut“) einnehmen und ein Thema für einen Moment konsequent aus dieser Perspektive betrachten. Die Hüte stehen für unterschiedliche Modi des Denkens: Fakten/Infos (weiß), Emotion/Intuition (rot), kritische Risiken (schwarz), Chancen/Potenziale (gelb), kreative Alternativen (grün) sowie Moderation/Prozess (blau). Entscheidend ist: Es geht nicht um die „eigene Meinung“, sondern um einen gezielten Perspektivwechsel.

Warum diese Methode fürs Thema Macht relevant ist


Für eine Auseinandersetzung mit Macht ist die Methode besonders geeignet, weil Macht oft auch damit zu tun hat, welche Perspektive als „normal“ gilt, wer Deutungshoheit bekommt und welche Blickwinkel im Alltag untergehen. Die Hüte zwingen dazu, Positionen einzunehmen, die man sonst nicht selbstverständlich bewohnt. Genau dadurch wird spürbar, dass die eigene Sicht nicht neutral ist – und dass Machtverhältnisse auch aus Routinen entstehen: aus dem, was man schnell übersieht, nicht bedenkt oder nicht als Problem erkennt.

 

Diskussionsfrage, Szenario und Setting


Als gemeinsame Projektionsfläche diente ein fiktives Hochschul-Szenario: Ein Designteam plant ein großes Abschluss-Event mit Hauptbühne, Nebenbühne, Poster-Galerie und stillen Präsentationstischen. Die Hochschule hat Auswahlkriterien festgelegt (u. a. Bühnenpräsenz, Storytelling, „Confidence“, fließendes Deutsch/Englisch, visuelle Wirkung, Innovationsgrad) – ohne Beteiligung der Studierenden.
 

Diskursfrage


Welche Konsequenzen bringen diese Kriterien mit sich – und sollte das Event diese Form der Auswahl beibehalten oder verändern? Ihr als Designteam entscheidet. 
 

Reflexion 


Nach der Diskussion zeigte sich als zentrales Ergebnis, dass die festgelegten Kriterien nicht neutral sind, sondern Sichtbarkeit und damit Macht verteilen. Begriffe wie „Confidence“, Sprachflüssigkeit oder Bühnenpräsenz wirken auf den ersten Blick objektiv, begünstigen aber bestimmte Ausdrucksformen und Voraussetzungen (z. B. Sicherheit in öffentlichen Situationen, Zugang zu Präsentationserfahrung, kulturelle Codes). Dadurch wird deutlich: Macht steckt nicht nur in Entscheidungen, sondern auch in den Maßstäben, nach denen „Qualität“ und „Professionalität“ bewertet werden.

Im Anschluss wurden die Hüte symbolisch „abgelegt“ und die Teilnehmenden reflektierten wieder als sie selbst: Viele beschrieben, dass sie durch die Rolle in einer ungewohnten Denkposition gelandet sind, die sie im Alltag selten einnehmen. Genau dieser erzwungene Perspektivwechsel wurde als hilfreich erlebt, um eigene Denkroutinen und blinde Flecken zu erkennen – und sich bewusster zu werden, dass die eigene Position im Designprozess immer mitwirkt.


Reflexionskarten


Reflexionskarten 


Den Abschluss bildete der persönliche Transfer in den Alltag: Jede Person gestaltete eine Reflexionskarte als Daily Reminder, auf der individuelle Erkenntnisse, Fragen oder Vorsätze festgehalten wurden. Die Karten dienen nicht als klassisches „Ergebnis“, sondern als fortlaufendes Werkzeug: Sie erinnern daran, die eigene Position bewusster mitzudenken und Machtverhältnisse im Gestaltungsalltag nicht nur zu erkennen, sondern konkret zu adressieren.


 

Macht weiterdenken


Die Auseinandersetzung mit Macht und Positionalität endet nicht mit dieser Session. Sie ist ein fortlaufender Prozess, der Gestaltungspraxis, Zusammenarbeit und Entscheidungsstrukturen nachhaltig prägen kann. Im Sinne von Naomi Rylandbedeutet Macht neu zu denken, Verantwortung zu übernehmen: für die eigenen Privilegien, für die Wirkung gestalterischer Entscheidungen und für die Räume, die wir öffnen oder schließen. Design wird so zu einer Form von Beziehungsarbeit zwischen Menschen, Perspektiven, Erfahrungen und Zukünften.

Die in der Session entstandenen Artefakte tragen diese Auseinandersetzung weiter: Die Reflexionskarten wirken als persönlicher Transfer in den Alltag. Zusätzlich möchten wir die Positionierungs-Plakate (die Einstiegsstatements) perspektivisch nochmals im Hochschulraum ausstellen, um den Diskurs über Macht, Zugehörigkeit und Sichtbarkeit auch außerhalb des Seminarsettings weiterzuführen und neue Gespräche anzustoßen.

„Wir alle haben die Macht, Macht neu zu denken.“(Ryland, 2024)


    ❷ Im Rahmen des Kurses “Social Discourses” bei Corinna Sy wurden verschiedene gesellschaftsrelevante Themen behandelt. Zu jedem Topic wurden Sessions geplant, durchgeführt und dokumentiert.