Workshop-Session zum Thema Care
Technische Hochschule Augsburg, Social Discourses WiSe 25/26
Input & Vorbereitung:
Zur Vorbereitung und Recherche haben wir mehrere Texte gelesen, die uns gezeigt haben, wie vielschichtig das Thema ist. Wir haben uns schließlich für den Text „Zur Krise sozialer Reproduktion“ von Carolin Winker entschieden, da dieser für uns am greifbarsten und lebensnähesten war. Unser Ziel war es in der ersten Hälfte der Session einen allumfassenden, faktenbasierten Überblick über das gesellschaftlich relevante Thema Care zu geben und den Teilnehmenden in der zweiten Hälfte mehr kreativen Freiraum zu lassen, um eine intensive Auseinandersetzung mit der persönlichen Haltung zu bestimmten Unterthemen zu ermöglichen.Carolin Winker ist Professorin für Arbeitswissenschaft und Gender Studies an der TU Hamburg-Harburg und Mitbegründerin des Feministischen Instituts Hamburg. Der Text beschreibt, welche Rolle der Staat, die Lohnarbeit und familiäre Strukturen in der Entstehung der sogenannten Reproduktionslücke spielen. Winker spricht in diesem Zusammenhang von einer „Krise der sozialen Reproduktion“ und meint damit, dass Reproduktions- oder Carearbeit hauptsächlich von (migrantischen) Frauen unbezahlt geleistet wird und gesellschaftlich unsichtbar bleibt. Die Doppelbelastung von Frauen ist eng mit der kapitalistischen Leistungsgesellschaft verbunden. Einerseits wird von Frauen erwartet, Erwerbsarbeit nachzugehen, andererseits tragen sie weiterhin den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit wie Kindererziehung, Pflege und Hausarbeit. Diese Arbeiten sind für das Funktionieren der Gesellschaft grundlegend und unverzichtbar, werden jedoch im kapitalistischen System kaum gewürdigt. Dadurch entsteht eine strukturelle Überforderung, die nicht individuelles Versagen ist, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheit und der Abwertung von Care-Arbeit. Winker plädiert abschließend für eine „Care-Revolution“ und schlägt konkrete Schritte vor, wie diese realisiert werden könnte. Nicht die Profitmaximierung aufgrund kapitalistischer Interessen sollte im Zentrum des politischen Handelns stehen, sondern die Verwirklichung menschlicher Lebensinteressen. Das kann nur durch gemeinschaftliches Handeln und Solidarität realisiert werden. Die Care-Revolution ist deshalb nicht nur eine Umverteilungsforderung, sondern eine antikapitalistische Perspektive auf gesellschaftliche Transformation.
Session
Die Session startete mit einer kurzen Zusammenfassung des Textes. Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen und Gedankenanstößen folgte der gemeinsame Diskurs, der sich vor allem mit der Care-Revolution beschäftigte und in dem Maßnahmen, wie das im Text vorgeschlagene bedingungslose Grundeinkommen, besprochen wurden.
Wir haben uns unter anderem die Frage gestellt, welche Rolle Design spielen kann, um Care-Arbeit sichtbarer und gerechter zu machen, welchen Beitrag die Politik leisten muss und welchen Beitrag Einzelpersonen leisten können (und ob sie das überhaupt können). Anschließend wurde ein kurzes Video gezeigt, das den Zusammenhang von Carearbeit und Wirtschaft noch einmal hervorhebt und unser heutiges Verständnis von Wirtschaft hinterfragt.
Nach einer kurzen Pause ging es in den kreativen Teil der Session: Die gemeinsame Gestaltung eines „Carelenders“ – ein Jahreskalender zum Thema Care-Arbeit. Zweck des Kalenders ist es, kreativ im Kollektiv zu arbeiten und Themen mithilfe der Collagetechnik visuell zu übersetzen. Materialien für die Collage-Session Schneidegerät, Cutter, Graupappen, Scheren, Klebestifte, Magazine, Poster, PapierresteEinblick Session Collage “Carelender” Es wurden monatliche Kalendertemplates (im DIN A3 Format) für Januar 2026 - Februar 2027 vorbereitet, die als Hintergrund für die Collagen dienten. Zudem wurden alte Zeitschriften, Prints und bunte Papiere, sowie Scheren, Cutter, Unterlagen und Klebestifte in ausreichender Anzahl bereitgestellt. (Die Collage-technik wurde auch im Design der Präsentationsfolien wiedergegeben.) Anschliessend konnte sich die Teilnehmenden einen Begriff aussuchen (z.B. „Sichtbarkeit“ oder „Beziehung“) und passend dazu eine Kalenderseite collagieren. Die Ergebnisse wurden in einer kurzen, unterhaltsamen Abschlussrunde präsentiert.Die Idee des Carelender wurde als Artefakt auserwählt, weil sie einen co-kreativen Diskurs ermöglichte, Carearbeit für ein ganzes Jahr im Masterraum “sichtbar” macht und eine künstlerische, intuitive Auseinandersetzung mit dem Thema bot.
Zur Krise sozialer Reproduktion. In: Baumann, Hans u. a. (Hrsg.): Care statt Crash.
Sorgeökonomie und die Überwindung des Kapitalismus. Zürich: Edition 8, S. 119–133.
Vimeo-Clip: Wirtschaft ist Care, Guave Motion, 2000 https://vimeo.com/354588099?fl=pl&fe=sh
Puig de la Bellacasa, M. (2012). Thinking with care. The Sociological Review, 60(2), 197– 216.
Tronto, Joan C. (2013): Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice. New York: New York University Press.
Dombroski, K. (2019). Caring labour: Redistributing care work. In: The Handbook of Diverse Economies.
Cameron, J., & Gibson-Graham, J. K. (2022). The Diverse Economies Approach. In: Handbook of Alternative Theories of Political Economy.
Tronto, J. (1993). Moral Boundaries.
Tronto, J. (2013). Caring Democracy.
Puig de la Bellacasa, M. (2017). Matters of Care.
Waring, M. (1988). If Women Counted.
Gibson-Graham, J. K. (1996). The End of Capitalism (As We Knew It).
❷ Im Rahmen des Kurses “Social Discourses” bei Corinna Sy wurden verschiedene gesellschaftsrelevante Themen behandelt. Zu jedem Topic wurden Sessions geplant, durchgeführt und dokumentiert.