SOCIAL DISCOURSES
WISE 25/26

TRANSFORMATION DESIGN 
MASTER

Fakultät Gestaltung
Technische Hochschule  Augsburg
Betreuung: Corinna Sy

Impressum


ANNA WALLNER, SAMUEL WÖLFL, ANNABELLE WAGNER

Workshop-Session zum Thema parteiisches & politisches Design
Technische Hochschule Augsburg, Social Discourses WiSe 25/26



Einleitung


Design entwirft und gestaltet immer die Welt und nimmt daher auch Einfluss auf unser Verhalten – darin liegt seine politische Macht.

Politisches bzw. parteiisches Design geht davon aus, dass Design niemals neutral ist. Design greift aktiv in unser Zusammenleben ein, weil es Wirklichkeiten entwirft – und genau dadurch auch unterwirft.

Entwerfen bedeutet, Möglichkeiten zu schaffen: neue Handlungsräume, neue Denkweisen, neue Formen des Zusammenlebens. Wer entwirft, formt die Bedingungen, unter denen Menschen leben, handeln und sich selbst verstehen. Design ist damit immer ein Akt der Gestaltung von Welt.

Gleichzeitig bedeutet jedes Entwerfen auch ein Unterwerfen. Denn indem Design bestimmte Lösungen, Formen oder Nutzungsweisen vorgibt, schließt es andere aus. Es setzt Regeln, Normen und Hierarchien fest, denen sich Menschen anpassen müssen. Design strukturiert Verhalten, lenkt Entscheidungen und kann dadurch Macht ausüben.

Der entscheidende politische Unterschied liegt darin, wie entworfen wird: Entwerfendes Design erweitert den Möglichkeitsraum, befähigt Menschen und lässt Alternativen zu. Unterwerfendes Design reduziert Möglichkeiten, verstärkt bestehende Machtverhältnisse und zwingt zur Anpassung.

Weil Design immer entwirft, unterwirft es zwangsläufig auch – die politische Frage ist daher nicht, ob Design unterwirft, sondern wen, wie stark und zu wessen Vorteil. Gutes, politisch reflektiertes Design ist sich dieser Macht bewusst und versucht, Unterwerfung zu minimieren und Freiheit zu maximieren.

Design ist somit immer politisch, weil jedes Entwerfen zugleich bestimmt, was möglich ist und was nicht.

Quellen:
Von Borries, F. (2016). Weltentwerfen: Eine politische Designtheorie. Suhrkamp Verlag.
Deutscher Design Club. (2020, July 27). DDCAST 01 - Friedrich von Borries „Was ist gutes Design“? ~ DDCAST - Was ist gut? Design, Kommunikation, Architektur Podcast. podcast.de. https://www.podcast.de/episode/625167758/ddcast-01-friedrich-von-borries-was-ist-gutes-design


Aufbau der Session


Ziel der Session war es, politisches Design nicht frontal zu vermitteln, sondern einen offenen Denk- und Diskursraum zu schaffen, in dem sich die Teilnehmenden aktiv mit Fragen von Macht, Verantwortung und Gestaltung auseinandersetzen können. Als bewussten Gegenpol zu den Texten der vorherigen Sessions entschieden wir uns für ein alternatives Medium: Die Podcastfolge DDCast 01 - Friedrich von Borries “Was ist gutes Design?”. Diese sollte einen niedrigschwelligen, erzählerischen Einstieg ermöglichen und Interesse wecken, sich auch über die Session hinaus mit politischem bzw. parteiischem Design zu beschäftigen.

Der Podcast bildete die inhaltliche Grundlage der Session. Zentrale Gedankenanstöße waren unter anderem:

  • Design ist immer politisch, da es sowohl befähigen (entwerfend) als auch unterwerfen kann.
  • Gestaltung eröffnet Möglichkeitsräume, kann aber ebenso bestehende Machtstrukturen stabilisieren.
  • Designer verfügen über besondere Fähigkeiten wie Imagination, Wissen um Machbarkeit sowie die Fähigkeit, Wünsche und Begehrlichkeiten zu erzeugen.
  • Design lässt sich in verschiedene Kategorien einteilen (Überlebens-, Sicherheits-, Gesellschafts- und Selbstdesign), die jeweils entwerfend oder unterwerfend umgesetzt werden können.
  • Ein zentrales Kriterium für gutes Design ist daher die Frage, ob es Freiheit erweitert oder einschränkt.

Didaktisches Setting und räumlicher Kontext

Wir entschieden uns auch gegen eine klassische Präsentation und für ein dialogisches, bewegungsorientiertes Setting. Um auch räumlich mit der Tradition vorheriger Sessions zu brechen, verlegten wir große Teile des Workshops nach draußen. Auch wenn das Hochschulgelände aufgrund der begrenzten Zeit kaum verlassen wurde, ermöglichte der Ortswechsel einen Perspektivwechsel, der das Thema politisches Design und unsere angedachten Aktivitäten zusätzlich unterstützte.


Interaktive Methode 1: Adaptiertes Polak Game mit Diskurs

Als zentrale Diskursmethode nutzten wir eine abgewandelte Form des Polak Games. Ziel war es, sichtbar zu machen, wo die Gruppe – und jede einzelne Person – im Spannungsfeld von Gestaltungsmacht, Verantwortung und politischer Wirksamkeit steht.

Die Teilnehmenden positionierten sich im Raum entlang zweier Achsen, die wir im Innenhof der Hochschule mit Kreide einzeichneten:
  • Zustimmung / Ablehnung
  • Wenig Einfluss / Viel Einfluss

In zwei Runden wurden jeweils zwei Fragen gestellt:

Runde 1 – Design als politische Kraft
  • Empfindest du Design in seiner politischen/gesellschaftlichen Wirkung als etwas das emanzipatorische Kraft gibt?
  • Wie viel Gestaltungsmacht hast du mit deinem Design?

Runde 2 – Gestaltung zwischen Einfluss und Verantwortung
  • Dürfen Designschaffende durch ihre Gestaltung bewusst auf Einstellungen, Entscheidungen oder Handlungen einwirken, um diese zu verändern?
  • Wie stark beeinflusst deine eigene gesellschaftliche Haltung dein Design?

Polak Game: Design Studierende positionieren sich entlang zweier Achsen anhand von Fragen


Polak Game: Unterschiedliche persönliche Meinungen und Wahrnehmungen werden diskutiert und reflektiert

Wichtig war dabei, dass Positionen nicht gerechtfertigt werden mussten, unterschiedliche Perspektiven respektiert wurden und ein Umpositionieren während des Diskurses jederzeit möglich war. Das Spiel erwies sich als besonders wirksam, um Austausch, Reflexion und unterschiedliche Sichtweisen innerhalb der Gruppe sichtbar zu machen.


Diskurs im Polak Game

In der ersten Runde wurde sich vor allem zur zweite Frage sehr breit aufgestellt. Einzelne Teilnehmende hatten dein Eindruck sehr viel Gestaltungsmacht zu haben, für andere war die Wahrnehmung dazu jedoch deutlich geringer.
Auch in der zweiten Runde gab es primär unterschiedliche Positionen zum Einfluss der eigenen Haltung. In der freiwilligen Designarbeit hatte sie meist großen Einfluss, aber in erwerbstätiger Arbeit gab es durchaus auch Projekte bei denen die eignen Werte in den Hintergrund gestellt wurden.


Interaktive Methode 2: Objektuntersuchung im Außenraum

Als zweite Interaktion führten wir eine Umgebungs- und Objektanalyse durch. In 2–3er-Gruppen suchten die Teilnehmenden selbstständig ein Objekt im Umfeld, das sie hinsichtlich seiner politischen Dimension untersuchten. Leitfragen waren unter anderem:

  • Welche Praktiken ermöglicht oder verhindert das Objekt?
  • Welche Normen oder Verhaltensweisen schreibt es ein?
  • Welche Machtverhältnisse oder sozialen Unterschiede reproduziert es?
  • Welche sozialen Rollen erzeugt es?

Die Objekte wurden fotografisch dokumentiert und die Gedanken zunächst unstrukturiert festgehalten. Ziel war nicht ein perfektes Ergebnis, sondern ein erstes bewusstes Wahrnehmen und Benennen politischer Aspekte von Gestaltung.

Im Anschluss sollten die Erkenntnisse dann simpel grafisch aufbereitet werden, sodass die Gedanken zu den Gegenständen auf einem Bild mit Annotationen nachvollziehbar zu erkennen sind.
Objektuntersuchung im Außenraum und Artefakt: Studierende dokumentieren fotografisch Machtverhältnisse im öffentlichen Raum


Objektuntersuchung im Außenraum und Artefakt: Studierende bereiten ihre fotografischen Beobachtungen grafisch auf



Artefakt

Um auch im Nachhinein nochmal einen Einblick in die gemeinsame Session bekommen zu können, wollten wir auch ein Artefakt im Prozess hervorbringen. Dafür haben wir die Ergebnisse dieser Methode genommen und diese als Collage zusammengeführt. Die einzelnen grafischen Aufbereitungen der Erkenntnisse und Gedanken zu den gefundenen Gegenständen von den Kleingruppen wurden zunächst auf einem digitalen Whiteboard gesammelt. Dort haben wir die gesamten Ergebnisse dann zu einer übergreifenden Collage zusammengebracht. Diese ist im Bild unten zu sehen.

Collage der entstandenen Ergebnisse bei den Objektuntersuchungen im Außenraum


Abschluss und Reflexion

Zum Abschluss waren alle wieder im Raum zusammen, da die Objektbeobachtungen digital festgehalten wurden. Die Entscheidung für ein digitales Artefakt gab uns die Freiheit, den Fokus stärker auf die Interaktionen im Außenraum zu legen. Besonders das Polak Game erwies sich als zentraler Bestandteil der Session, da es intensiven Austausch anregte und unterschiedliche Haltungen zu politischem Design sichtbar machte.
Im Anschluss haben wir dann noch gemeinsam einen Diskurs über das entstandene Artefakt, die einzelnen Beispiele und auch das Thema im gesamten geführt. Hierfür gab es Leitfragen, die jedoch nur der Orientierung dienten. Der Diskurs war vor komplett frei in seiner Form und wurde von den Studierenden maßgeblich ausgestaltet.


Ausblick


Insgesamt zeigte die Session, dass ein alternativer Einstieg, räumlicher Perspektivwechsel und interaktive Methoden besonders geeignet sind, um komplexe Themen wie Design, Macht und Verantwortung erfahrbar und diskutierbar zu machen.

Über unsere Session hinweg haben wir selbst und auch die Teilnehmenden alle einen neuen Blick auf unsere Umgebung und die Gegenstände, die wir täglich nutzen, bekommen. Eine Bank war nicht mehr nur eine Sitzgelegenheit, sondern gestaltet wie Menschen miteinander in Kontakt kommen und sich in der Öffentlichkeit gegenübertreten. Der Spiegel im Aufzug ist nicht nur für eine größere Raumathmosphäre installiert, sondern ist auch essenziell für Personen im Rollstohl, damit diese den Bereich hinter sich einsehen können. Solche und viele weitere Erkenntnisse aus dem Artefakt, haben diese neue Perspektiven eröffnet.

Die Macht von Designerinnen und Designern ist dadurch nochmal transparenter geworden und die sonst unsichtbaren Konsequenzen wurden sichtbar. Dieser neue Blick auf sonst oftmals unsichtbare Dynamiken ist für uns als Designer*innen sehr wertvoll und nützlich, um uns in Zukunft bewusster über die Konsequenzen unserer eigenen Arbeiten zu sein


Weiterführende Literatur & Quellen


    1. Text “Parteiisches Design” von Jesko Fezer
    2. Friedrich von Borries: “Weltenentwerfen: Eine politische Designtheorie”
    3. Podcastfolge DDCast 01 - Friedrich von Borries “Was ist gutes Design?”
    4. Jesko Fezer: Lechts und Rinks: Eine Auseinandersetzung mit dem Design der Neuen Rechten
    ❷ Im Rahmen des Kurses “Social Discourses” bei Corinna Sy wurden verschiedene gesellschaftsrelevante Themen behandelt. Zu jedem Topic wurden Sessions geplant, durchgeführt und dokumentiert.